Stellt mir eine Frage! (2/2)

Es ist einfach für Onlinemedien, ihre Kommentarspalten nicht wie Stammtischdebatten aussehen zu lassen. Folge 2 der Reihe „Wie Hate Speech Im Netz vermieden werden kann“

Egal ob man bei Faz.net einen Artikel über Trumps Moskaubeziehungen liest, bei dem Standard.at eine Nachricht über Türkeis Rüstungsgeschäfte oder einen Beitrag Wunderpillen zum Abnehmen bei Focus.de: In den Kommentarspalten dominiert der Ton der Verachtung. Redner und Zuhörer unter einem Artikel kennen sich nicht. Die absolute Anonymität auf medialen Plattform führt nicht dazu, dass in diesem Diskurs Gedanken tiefsinniger ausgeführt werden. Im Gegenteil: Die Identitätslosigkeit der Kommentare bietet einen Anreiz, subjektive und verachtende Einschätzungen spontan zu äußern.

Diese Form der Rede nennt man nicht Dialog, sondern Selbstgespräch. Ein zentraler Punkt wie Hate Speech vermieden werden kann, ist, keine Selbstgespräche zuzulassen. Der jetzige Aufbau von Foren lädt nicht dazu, miteinander zu interagieren. Das weiß leuchtende Kästchen nach einem Artikel mit der Überschrift „Kommentar schreiben“ ist keine Aufforderung, sich mit der bereits bestehenden Debatte unter dem Artikel vertraut zu machen, oder gar den Standpunkt anderer Kommentatoren zu vollziehen. Im Gegenteil: Das Design ist eine Einladung, das was einem spontan im Kopf ist, auf die Tastatur zu gießen. Deswegen sehen Kommentarspalten in der virtuellen Welt von außen aus wie zusammenhangslos aneinandergereihten Selbstgespräche. Nur selten aufeinander Bezug nehmend, wabern diese Sprechblasen negativer Gedanken durch das Forum.

Die Renaissance von Opa Werner

Onlinemedien bieten Opa Werner an, der früher am Stammtisch hinter der Bartheke nach 22 Uhr anfing, seinen Unmut über die Welt zu äußern, seine negativen Äußerungen nicht nur der Bardame, sondern allen Lesern von politischen Nachrichten zu präsentieren. Konnte Opa Werner seine negative Energie im nächsten Glas Bier ertränken, ist sie heute durch das Forum schriftlich fixiert und ist für alle Zeiten einseh- und abrufbar. Nun hat auch Opa Werner die Berechtigung, seine politische Meinung zu äußern. Wenn jedoch in den Kommentarspalten zu 90% Menschen vom Schlag des Stammtisch Opas äußern, wird der Diskurs verzerrt.

Warum gelten die spontanen Gefühlswallungen von Stammtischdebatten nicht als konstruktiver Dialog? Weil es an einer zentralen Frage mangelt, auf die sich alle beziehen. Hier kommen wir zu dem Dreh- und Angelpunkt eines gelungen Gespräch: Dem roten Faden.

Ohne eine zentrale Leitfrage, kann kein sachlicher Dialog entstehen

Die Debatte von Onlinekommentaren wirkt von außen wie eine Gruppe von Orks, die darauf warten, sich gegenseitig verbal abstechen, weil ihnen die Existenzberichtigung für den Diskurs fehlt. Und warum fehlt der Grund für eine Debatte? Weil die Frage steht, worüber wir überhaupt debattieren wollen. Am Anfang jeder Podiumsdiskussion, jeder Talkshow, jedes journalistischen Kommentars steht eine Frage. Ohne eine Frage, auf die jeder Gesprächspartner bezieht, ist jede Diskussion zu Beginn verloren. Wer möchte schon gerne einer Diskussion zuhören, bei der der Moderator einfach in einen Saal voller Menschen geht, eine Nachricht verliest, und dann wieder herausgeht und die Tür hinter sich zuschlägt? Doch das ist Zustand, in dem Onlinemedien ihre Leser unter ihren Artikeln debattieren lassen. Man „wirft“ einer Gruppe von Menschen eine Information hin und beobachtet dann, wie sie sich über den Inhalt tun. Das ist vielleicht für einen Onlinesoziologen interessant, für die meisten anderen Nachrichtenkonsumenten keine Hilfe in der Erarbeitung ihres politischen Standpunkts. Was folgt ist Resignation des nicht kommentierenden Nutzers beim Herunterscrollen über eine Debatte, die immer und ständig aus dem Ruder läuft. Dass sich gegenseitig Kommentatoren über ihre Meinung verhöhnen ist die Regel, nicht die Ausnahme. Ab und zu läuft ein Beauftragter noch einmal in den Saal herein und zerrt die Herrschaften heraus, die zu laut herumbrüllen, aber das war es schon mit „Moderation“.

Screenshot: Kommentare der ZEIT-Online Redaktion unter dem Beitrag „US-Marineschiff zerstört mutmaßlich iranische Drohne“ (19. Juli 2018)

Wie kann man den Diskurs in sachliche Bahnen lenken, ohne komplett die Kommentarspalten zu schließen? Ein erster Schritt ist, eine konkrete Frage zu stellen. Jeder Journalist, der für Onlinemedien publiziert, sollte sich also bei jedem Nachricht überlegen, ob sich aus dem Inhalt seines Artikels eine Leitfrage für die Diskussion heraus destillieren lässt. Ist es ein Artikel über ein Militärmanöver in einer anderen Weltregion, kann sich die Frage gestellt werden, ob diese Nachricht beispielsweise eine Auswirkung auf das Verhalten der deutschen Außenpolitik haben sollte. Diese Frage kann der Autor an das Ende seines Artikels stellte. Sie ist untrennbar mit der Kommentierungsfunktion verbunden und Nutzer werden eingeladen, diese (und nur diese!) Frage zu beantworten.

Auf diese Art und Weise fühlen sich Leser ernstgenommen, denn sie werden in ein Gespräch eingeladen. Wer Menschen destruktiv miteinander diskutieren lassen will, der wirft ihnen Informationsbrocken hin, doch wer eine konstruktive Debatte anstrebt, der stellt ihnen eine Frage. Mit einer Frage, die Foren vorangestellt wird, kann die Wahrscheinlichkeit der Rülpser reduziert werden. (lux)