Warum das Internet ein Räuber-und-Gendarm-Spiel sein muss (1/1)

Warum Anonymität nicht in das Internet gehört. Folge 1 der Reihe: „Wie Hate Speech vermieden werden kann. „

Wer im Netz durch Nachrichtenportale surft wird meist häufig mit Einschätzungen anderer Nutzer zum Weltgeschehen konfrontiert. Diese Kommentare sind oft in einem verachtenden und negativen Ton formuliert. Es scheint, als herrsche ein unausgesprochener gesellschaftlicher Konsens zwischen seriösen Medien und sozialen Medien, die digitale Gewalt seiner Nutzer als „normal“ hinzunehmen. Denn: Wer soll denn die Flut an abwertenden und beleidigenden Kommentaren noch moderieren können? Wer online Nachrichten konsumiert oder sich in sozialen Netzwerken tummelt, der muss halt Beleidigungen und Verachtung tolerieren. Wir haben immerhin Meinungsfreiheit, oder? So lautet meist das achselzuckende Verdikt von den Befürwortern unregulierter Kommunikation im Internet.

Die Ansicht, dass der, wer an einem Onlinediskurs teilnimmt, zwangsläufig gewalttätigen Ton akzeptieren muss, ist das größte Missverständnis des digitalen Zeitalters. Es ist eine Kapitulation vor den Schreihälsen. Eine sachliche Debatte ist möglich, sie muss nur mit einem entsprechenden Rahmen versehen werden. Die folgenden Überlegungen richten sich an die Verantwortlichen der Online-Auftritte von Leitmedien. Einer der wichtigsten Punkte: Anonyme Kommentierungsmöglichkeiten müssen abgeschafft werden.

Für eine sachliche Debatte muss ich die Empfänger meiner Botschaft kennen.

In der Kommentarfunktion von Onlinemedien geht es drunter und drüber. Eine Nachricht wird von dem Medium veröffentlicht und dieses gibt Lesern die Möglichkeit, zu kommentieren. Was folgt ist – Chaos. Egal ob Spiegel-Online, SZ oder Heise-Online: Die Leute, die kommentieren, wissen nicht, wer eigentlich ihre Nachricht liest, geschweige denn, an wen sie sich richtet. Kommentiere ich, weil ich den Journalist auf etwas aufmerksam machen will? Oder schreibe ich gerade eine Bewertung für andere Nutzer? Oder richtet sich meine Botschaft eigentlich an einen Protagonisten, der in dem Artikel auftaucht? Da ich meine Empfänger nicht kenne, ist der Anreiz höher, die eigene Meinung möglichst dramatisch zu verpacken. In der Kommentarspalte muss jeder um die Aufmerksamkeit der anderen kämpfen. Da man einer anonymen Masse gegenüber steht, muss man lauter schreien. Die Verwirrung, wer der Empfänger der Botschaft ist, führt dazu, dass Onlinediskurse unnötig emotional aufgebläht werden, denn ihre Gesprächsteilnehmer müssen damit rechnen, dass sie ohne markige Worte von den Anderen nicht beachtetet werden.

Kommentar ohne Empfänger
Kommentar mit Empfänger Annegret-Kramp-Karrenbauer
Kommentar mit Empfänger Journalist

Screenshots am 17. Juli 2019 in der Kommentarspalte von Spiegel-Online unter der Nachricht “ „Kramp-Karrenbauer wird Verteidigungsministerin Vollbremsung plus Kehrtwende“ von Florian Gathmann

Würde jemand in der analogen Welt vor den in Glasschaukästen ausgestellten Zeitungsseiten vor einem Verlagshaus stehen und seine Meinung zu einem der dort behandelten Themen herausbrüllen, würden wir ihn für verrückt erklären. In der Onlinewelt gilt er als „normal“. Wer also eine Plattform zur Verfügung stellt und die Empfänger der Nachricht nicht benennt, muss sich nicht wundern, wenn die Absender versuchen, sich in der drastischen Wortwahl und Lautstärke zu übertrumpfen.

Für ein gelungenes Gespräch, muss ich wissen, wem ich überhaupt zuhöre – also den Absender eines Gesprächsbeitrag kennen.

Es sind diese simplen Wahrheiten, die im Onlinediskurs nicht beachtet werden, weswegen eine gewalttätige Kommunikation vorherrschend ist. Warum wird Nutzern von Medien die Möglichkeit gegebene, sich anonym zu äußern? Diese Funktion der Anonymität lässt sich rechtfertigen, wenn wir in einer Diktatur lebten und jede Form einer kritischen Meinungsäußerung drakonisch bestraft würde. Dann wäre die Kommentarspalte von Onlinemedien tatsächlich ein Rückzugsort für Andersdenkende und Dissidenten, um einen nicht regierungstreuen Diskurs zu gestalten. Jetzt sind die Kommentarspalten von Medien ein Rückzugsort für Bürger, die andere für die Schuld an der Misere der Welt verantwortlich machen. In einer freiheitlichen Demokratie kippen anonyme Meinungsäußerungen im Netz somit in das Gegenteil herum: Die Decknamen werden gebraucht, um demütigende und abwertende Kommentare gegenüber Menschen mit Ämtern (Politikern), Menschen mit Informationsauftrag (Journalisten) und unterrepräsentierten Gruppen (Frauen, Migranten, Homosexuellen) zu artikulieren. Das, was „man wegen politischer Korrektheit nicht sagen darf“ ist der beste Freund der Anonymität. Da seriöse Journalisten von Leitmedien nicht systematisch gegen Minderheiten hetzen, ist ein zusätzlicher Anreiz gesetzt, das sich Nutzer dazu berufen fühlen, diese mediale „Lücke“ in den Kommentaren auffüllen zu müssen. Ich denke, es besteht eine Verbindung zwischen der Ausgewogenheit eines Artikels und der verbalen Heftigkeit von Kommentatoren. Je vielfältiger die recherchierten Perspektiven des Artikels, umso tendenziöser die Kommentare und der verweifelte Versuch einiger weniger, den Diskurs wieder in Schwarz-Weiß-Bahnen zu lenken: Die (Flüchtlinge) sind schuld am wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands, Die (Frauen) müssen für den Niedergang der Politik verantwortlich gemacht werden, die (Schwule) führen zu einem Wertverfall in der Gesellschaft.

Direkte Klarnamenpflicht

Wegen seiner politischen Meinung wird in Deutschland niemand durch das Gesetz verfolgt. Wer doch verfolgt wird, der sollte sich an die Polizei werden. Wer Angst hat, Repressionen seines Arbeitgebers zu fürchten, wenn er mit Klarnamen politische Äußerungen im sachlichen Ton macht, die auf dem Boden der Verfassung stehen, der sollte sich dazu berufen fühlen, mit seinem Arbeitgeber über das Gut der Meinungsfreiheit in Deutschland zu debattieren. Wer das im Internet schafft, der sollte das auch mit realen Menschen schaffen. Wer eine substantiell andere politische Meinung als die seines Arbeitgebers vertritt, der sollte sich fragen, warum er seine Meinung nicht direkt gegenüber Verantwortlichen artikultiert und stattdessen ein Forum als „Hintertürchen“ des Dampfablassens sucht, um eine Konfrontation zu vermeiden. Ein interner Dialog mit seinen Kollegen ist effizienter, als auf die eigene Anonymität im Forum eines beliebigen Mediums zu pochen. Wer sich auf Anonymität beruft, um seine subjektive Branchenerfahrung in einem Forum wiedergeben zu können, der ist vermutlich besser aufgehoben, die tatsächlichen Misstände direkt an einen Journalisten oder der Staatsanwaltschaft zu reportieren. Dafür braucht es Mut. Eine Eigenschaft, die zu erlangen weitaus erstrebenswerter ist, als die Möglichkeit, sich grummelnd anonym zu beschweren.

Indirekte Klarnamenpflicht

Eine andere Möglichkeit, den Onlinediskurs zu disziplinieren, und Anonymität zu wahren, ist die indirekte Klarnamenpflicht. Bevor man sich in das Getümmel im Forum stürzt, kann eine Identitätskontrolle per Webcam stattfinden. Sie kann über einen externen Dienstleister erfolgen, das heißt, weder die Redaktion noch die Regierung haben Zugriff auf die Daten. Das Ziel ist es, jeden Nutzer klar mit einem Personalausweis zu „matchen“. Das wäre eine DSGVO-konforme Vorgabe der Identifizierung, wie sie bei jeder Bankkontoeröffnung geschieht. Jedem Nutzer wird ein nicht veränderbarer anonymer Alias zugewiesen und sie oder er kann sich nicht mehrfach im Forum registieren und damit den Diskurs verfälschen. Wer weiß, dass seine Daten erfasst sind, mäßigt sich automatisch im Tonfall. Und wenn die Redaktion den Raum des virtuellen Gesprächs auch noch mit einer Frage schmückt, ist man einer konstruktiven Debatte schon wesentlich näher: Hier geht es weiter.

(lux)