Ich zahle mit meinem Gesicht

Wie mit Blockchain und Peer-to-Peer-Lending Start-Ups den Bankensektor aufmischen

Viele aufwendige analoge Prozesse im Bankverkehr lassen sich durch digitale Unterstützung einfacher gestalten. Früher war es das Onlinebanking. Man musste nicht mehr vor einer Maschine in der Bankfiliale stehen und warten, bis ein Blatt Papier mit Kontoauszügen herauskam, sondern wirft stattdessen einen  Blick in der U-Bahn auf das Smartphone. Heute befinden sich ganze Bankfilialen auf dem Handy: Das deutsche FinTech „N26“ bietet seit ein „Smartphone-Konto“ an, dass herkömmliche Bankfilialen überflüssig macht. In den letzten Jahren drängen viele Start-Ups auf den Markt des Bankensektors, die sogenannten FinTechs (Financial Technology). Viele Anbieter versprechen noch radikalere Vereinfachungen des Zahlungsverkehrs als Onlinebanking und seitdem im Januar 2018 die Europäische Kommission die Regeln für die Weitergabe von Daten von Banken an Drittanbieter gelockert hat, ist die Anzahl der registrierten Fin-Techs noch einmal die Höhe geschossen.

Onlinebanking war gestern, heute wird der Kontoauszug automatisch analyisiert

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FinTech-Anwendungen auf dem Smartphone bieten eine automatische Analyse der Ausgaben an: Man kann ihnen Zugriff auf sein privates Bankkonto gewähren und erhält ordentlich aufgeschlüsselte Tortendiagramm, die anzeigen, wie viel Geld für Essen, für Miete und für Strom man eigentlich monatlich ausgibt. Mit der FinTech-App „Zuper“ können beispielsweise alle Ausgaben eingescannt  und auf seine selbst festgeleten Sparziele überprüft werden, während die App „Bonify“ automatisch ihre  Kreditwürdigkeit analysiert und laufend Zahlungseingänge kategoriert. „Bonify“ analysiert automatisch so Nebenkosten, das heißt, es werden beispielsweise Stromzahlungen mit denen anderer Anbieter verglichen und angezeigt, wo kostengünstiger Strom zu beziehen ist.

Bei mehreren Anbietern ist es außerdem möglich, Konten von unterschiedlichen Banken in einer Anwendung bündeln kann – sodass man auf einem Blick sieht, wann der Kredit für die Waschmaschine abgezahlt ist und welche Dividende die längst vergessene Aktie bei der Deutschen Bank abwirft. Haben früher Mütter ordentlich mit Bleistift am Küchentisch Notizheftchen mit den Eingaben und Ausgaben dieser Woche gefüllt, so sind Haushaltsbücher  auf dem Smartphone längst auf dem Vormarsch.

PayTech: Ich zahle nich mehr mit Münzen, sondern mit meinem Gesicht

Der Begriff PayTech bezeichnet die Technologie rund um den digitalen Prozess des Bezahlens. Hier hat sich auch in den letzten Jahren einiges getan, einzelne Technologien wie Gesichts- oder Spracherkennung für den Zahlungsverkehr stehen in den Startlöchern.  Doch wie funktioniert eine Bezahlung mit dem Gesicht? Ganz einfach: Jemand läuft einfach mit den Waren im Arm an der Supermarktkasse vorbei und ein Scanner scannt automatisch den Warencode der Produkte, macht ein Foto des dazugehörigen Gesichts, ordnet es dem mit dem Gesicht verknüpften Konto zu und zieht den Betrag ab. Derselbe Vorgang funktioniert auch mit Stimmerkennung. Das bedeutet man kann nach dem Besuch eines Restaurants einfach an der Theke „Zahlung, zehn Euro fünfzig“ rufen und schon wird durch die Identifikation des individuellen Sprechweise, auf dem verknüpften Konto der entsprechende Betrag  abgebucht.

Extreme Simplifizierung des Zahlungsverkehrs: P2P

Eine weitere Vereinfachung der Geldaustauschs bedeutet die Peer-to-Peer-Bezahlung, kurz P2P. Peer-to-Peer bedeutet man zahlt von „Kumpel-zu-Kumpel“, das heißt man braucht keine Bank mehr als zwischengeschaltetes Medium, die diese Transaktion erst legitimieren muss. Ein Beispiel für P2P: Man sitzt in einer Bar mit Freunden und trinkt Cocktails. Ein Freund möchte Ihnen einen Caipirinha ausgeben, hat aber kein Münzgeld dabei. Er berührt einfach mit seinem Smartphone ihr Smartphone oder sendet Ihnen per WhatsApp mit der Mobilfunknummer den Betrag, der dem Preis des Caipirinhas entspricht. Diese Methode funktioniert bislang nur mit kleineren Geldbeträgen, da die Gefahr eines Missbrauchs ohne weitere Authentifizierung zu groß wäre.

Bildergebnis für caipirinha

Die „Kumpel-zu-Kumpel“-Methode wird auch für die Finanzierung von Investitionen angewandt. Der Freund möchte gleich eine ganze Cocktailbar eröffnen, die nur Caipirinhas verkauft. Er findet aber keine Bank, die bereit ist, ihm einen Kredit für die Miete der Lokalität, Strom, Ressourcen und Marketing zu gewähren. Wenn man keinen Kredit bei einer traditionellen Banken aufnehmen möchte, so sucht man sich „Peers“, einzelne Anleger, die einen kleinen Betrag beisteuern. Auf Onlineplattformen wie „auxmoney“ kann man ausführlich sein Investitionsvorhaben beschreiben und den Zinsbetrag selbst festlegen, denn man bereit ist, den Anlegerinnen zurückzuzahlen. Für die Cocktailbar braucht es beispielsweise 10.000 Euro und 10 Anleger, die jeweils 1000  Euro beisteuern. Diese P2P-Methode nennt sich „Marketplace-Lending“ oder „Crowdfunding“ (hier gibt es einen ausführlicheren Blogbeitrag).

Blockchain führt zur Demokratisierung des Geldverleihs

Solche „Social Banking“-Methoden funktionieren besonders gut mittels Blockchain. Die Blockchain fungiert als kryptographische Datenbank, die Informationen dezentral speichert. Die Banken fallen als traditionelle Mittelsmänner und Intermediäre zwischen Kreditnehmerin und Kreditgeberin weg. Die Information welcher Betrag jemand an welche Person schuldet, ist nämlich für ewig und alle Zeiten sicher und verschlüsselt auf der Blockchain gespeichert und für jeden einsehbar.  Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin), die oberste Kontrollbehörde für den institutionalisierten Zahlungsverkehr in Deutschland,  sieht die Blockchain sogar als eine Tausendsassa-Anwendung, die „sehr vielfältige Einsatzmöglichkeiten verspreche“. Die Bundesanstalt geht davon aus, dass es bald möglich sein wird, auch internationale Überweisungen in Echtzeit mit der Blockchain-Technologie durchzuführen. Also keine aufwendigen SEPA-Überweisungen mehr, bei dem die Geldbeträge aufgrund gesetzlicher Feiertage erst Tage später auf dem Konto der Empfängerin landen.  „Der Anbieter der Zahlungsdienste“, schreibt die BaFin in einer öffentlichen Mitteilung, „könnte sein Hauptkonto auf Basis der Blockchain-Technologie betreiben, um die Geldbeträge weiterzuverarbeiten, die deren Nutzerinnen versenden.“ Da es bei der Blockchaintechnologie keine zentrale Instanz gibt, die alle Daten verwaltet,  sind Fälschungen ausgeschlossen. Jeder teilnehmende Computer speichert dieselbe chronologische Abfolgen aller jemals gemachten Transaktionen durch Blockchain. Wer eine Transaktion nachträglich ändern möchte, müsste sich auf jeden der Millionen von Computern die Blockchain anwenden,  Zugriff verschaffen, ein Ding der Unmöglichkeit.

Bankkonten auf Basis von Blockchain

Die Blockchain kann man sich als eine riesige Datentabelle vorstellen, quasi wie ein virtuelles Excel-Sheet. Fachsprachlich nennt man Blockchain auch „die Technik der verteilten Hauptbücher“ (Distributed Ledger Technology). Es existiert kein Zentralregister, dass alle Informationen speichert, sondern mehrere Hauptbücher, die für jeden zugänglich sind, weil sie auf allen Computern verteilt gespeichert wurden. Etwa alle zehn Minuten wird in der Blockchain überprüft, ob alle Informationen auf allen Rechnern noch miteinander übereinstimmen. Auf diese Art und Weise können Bankkonten auf Blockchainbasis ihre Transaktionen und Überweisungen auf Richtigkeit miteinander abgleichen.

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Die Blockchain-Methode wird von Befürwortern als ein Instrument zur Völkerverständigung gesehen, denn die Technik funktioniert immer, überall, weltweit und ohne staatliches Monopol dahinter. Denn grenzüberschreitende Transaktionen sind möglich, ohne dass eine Rechtsbehörde eingeschaltet werden muss. Diese Innovation kann somit auch als ein radikaler Gegenpol zu dem Anstieg rechtspopulistischer Abschottungstendenzen in Europa und den USA gesehen werden. Doch das bedeutet auch, dass es keine juristischen Grenzen gibt. Noch ist es unklar, wer dafür verantwortlich ist, wenn mit der Blockchain etwas schiefläuft. Welches Rechtswerk welches Landes zuständig ist, ist noch ein Geheimnis. Auch bei dem Handel mit Wertpapieren wurde das Feststellen gegenseitiger Leistungen und das Abwickeln eines Kaufs zwischen zwei Vertragspartnern („“Clearing“ und „Settlement“) bislang von Institutionen  mit Banklizenz vorgenommen. Die Banklizenz ist bislang der einzige Wettbewerbsvorteil, den traditionelle, „alte“ Banken gegenüber Fin-Techs voraus haben. Doch ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, wann das erste Start-Up eine Blockchain-Bankfiliale eröffnet.

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