Feminismus in der Hardware

Was ist nochmal das Motherboard?

Draußen ist schwarze Nacht. Über meinem Schreibtisch leuchtet das Licht auf meinen aufgeklappten Werkzeugkoffer. Wie Skalpelle in einer Operationsbesteckschale sehen die Instrumente aus. Vor mir liegt ein schwarzer 2,5 Kilogramm- Laptop. Gedankenverloren streichele ich mit meiner Hand über den kleinen Kasten, der nach sieben Jahren erst letzte Woche seinen Geist aufgab. Ich möchte herausfinden, wo dieses ominöse Motherboard zu verorten ist, das von diversen Computerzeitschriften als Grundlage der Digitalisierung gefeiert wird. Es muss etwas ganz Großes sein, wenn sogar das Vice Magazine seine ganze Redaktionsabteilung danach benennt. Entschlossen drehe ich den Laptop auf den Rücken und beginne vorsichtig mit der Obduktion.

Leichenfledderei

Nachdem ich Minute um Minute die winzigen Schrauben professionell mit einem Hornbach-Schraubenzieher entferne, reißt mir jedoch Geduldsfaden. Kurzentschlossen greife ich mir den lackierten Hirschgeweih-Korkenzieher, der noch gestern für die Weinflasche herhielt. Die Organe eines Laptop zu entnehmen, entpuppt sich mit dem richtigen Werkzeug als einfache Aufgabe. Innerhalb von ein paar Sekunden habe ich mit dem Korkenzieher die Tastatur aus seiner Verankerung gerissen und mit dem Hebeleffekt des Geweihs das restliche Gehäuse aufgesprengt.

Vor mir liegt das rohe Motherboard. Andächtig starre ich auf die merkwürdig geformten Legosteine, die aus dieser grünen Platte herausragen. Dazwischen lauter goldene und rötliche Punkte und Linien, die sich labyrinthisch um Chips schlängeln. Ich kann kleine silberne Knubbel und Quadrate aus Gold erkennen. Diese grüne Platte aus Kunstharz ist sicherlich ein Kunstwerk für jedes Museum. Irgendwie erinnert es mich mit seinen vielen bunten Farben an ein Mosaik von Jesu Auferstehung, dass ich als Kind einmal in einer Gruft auf dem Friedhof sah.

 

Motherboard LaptopBlumenwiese mit Legosteinen: Das Motherboard.

 

Nach Konsultation entsprechender Fachliteratur („PC für Dummies“) soll ich mir ein Motherboard wie eine Blumenwiese vorstellen: Ein nährstoffreicher Boden, durch den die einzelnen Bausteine wie die Festplatten oder den Prozessor miteinander verbunden sind. Das Motherboard als Humusboden versorgt diese Komponenten mit Energie. Diese einzelnen Bauteile wissen nur, was sie zu tun haben, weil sie alle an dieser einen Platte hängen, auf der sie durch Stromimpulse miteinander kommunizieren können.

Entkernung

Ich beginne die Gerätekomponenten in  Legosteinform aus dem Motherboard zu rupfen, in dem ich einfach heftig und ausdauernd an ihnen ruckele. Über Twitter feuern mich ein paar Follower an. Die „Jeanne d’Arc der Nerds“ löst einige spöttische Kommentare aus. Zuerst schaffe ich es, einen langen Kupferschlauch aus der Verankerung zu lösen. Dann fällt die Festplatte ab, ein kleines Metallstück in Buchform. Je länger ich mich mit herausgerupften Teilen dieses Laptops beschäftige, umso mehr faszinieren mich Kraft, die in diesen Dingern steckt. Die Quadrate aus Gold kann ich als Read Access Memory – sogenannte RAM-Steckplätze – identifizieren. Die RAMs stellen Speicher dar, auf denen Elemente – wie dieser Blogbeitrag– in Zahlenkombinationen abgelegt werden. Die silbernen Knubbel heißen Elkos, wie mir der Verkäufer im Computerladen am nächsten Tag erklärt. Die Elkos regulieren die Spannung der Stromimpulse auf dem Motherboard. Ich löchere den zuständigen Verkäufer mit den Fragen über diese Dinger, während er mit hochgezogenen Augenbrauen hinter der Theke sitzt. Um wieder an seine Arbeit gehen zu können, gibt er mir eine Visitenkarte “Computerberatung für Senioren”. Darauf ist das Foto eines rüstigen Rentners zu sehen, der eine Stunde Nachhilfe in Sachen Computertechnik für 20 Euro anbietet. Diese Form der Wissensvermittlung erinnert mich irgendwie an Nachhilfestunden mit meinem früheren greisen Mathematiklehrer. Also wälze ich lieber noch mehr Bücher aus der Stadtbibliothek und entwerfe eine feministischere allgemeinverständliche Definition des Motherboards.

Definition

Das Motherboard ist die interne Computermutter, aus deren Bauch die Babys, das heißt die technischen Bausteine entspringen. Durch Muttermilch versorgt eine natürliche Mutter ihre Kinder, so wie ein Motherboard ihre Gerätekinder in Form von digitalen Legosteinen mit Strom versorgt. Das Motherboard und die Mutter stehen beide für informatische und natürliche Schaffenskraft und Funktionsenergie. Ohne Mutter kein Leben auf dieser Erde, ohne Motherboard keine Bausteine, die das Internet empfangen und somit den Zugang zur Welt eröffnen.

Zeit für mehr Techgirls.

7 Kommentare zu „Feminismus in der Hardware

  1. Sehr humorvoller Artikel. So detailliert hatte ich meine Motherboards noch nicht analysiert. Es war wohl eher die Beschränkung auf die grundlegenden Funktionen dieser mich alleinerziehenden Computermutter weil ich ja all die Jahre ohne Fatherboard auskommen musste. Ein Hoch auf dieses Allroundtalent!

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    1. Das Fatherboard! Wo würdest du das im Computer lokalisieren? P.S.: Ich liebe diese anthropologischen Eigenschaften von Maschinen. Auf das Master-Slave-Prinzip einer Steckdose werde ich im bald anhand der historischen Herrschaftsverhältnisse von Marx analysieren.

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      1. Oh wie lustig! An eine Master Slave Geschichte hatte ich wirklich auch gedacht, fand ich dann doch unpassend. Das Fatherboard ist vermutlich in der Nähe des DVBt Sticks im Usb Port. Kommt zum Spaß machen ab und zu vorbei, bekommt alleine aber nichtmal genug Strom 😉

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  2. Vielen Dank für diese Darstellung – sehr amüsant geschrieben!
    Dein Vorgehen ähnelt der Grundlangenforschung in der Neurobiologie/Gehirnforschung: Bestimmte Teile eines Nervensystems werden „deaktiviert“ (unterkühlt, verbrutzelt, rausgerupft), anschließend wird beobachtet, zu welchen Regungen das der zugehörigen Ethikkommission zum Ofer gefallene Wesen noch fähig ist, und schließlich wird anhand der Ergebnisse ein möglichst einfaches Modell über die Funktionsweise des von vornherein nicht klar abzugrenzenden Zellhaufens aufgestellt. Hinterher kann die ursprüngliche Funktionsweise in aller Regel leider nicht mehr wieder hergestellt werden (wir verstehen einfach noch zu wenig von Nervensystemen…), und so werden die in schwarzen Plastiktüten verstauten Tierkadaver der thermischen Verwertung zugeführt. Ein Schicksal, dass die leicht abzugrenzenden Komponenten Deines alten Motherboards/Laptops nun teilen? Oder konntest Du sie noch künstlerisch verwerten? Oder gar profaneren Anwendungen zukommen lassen – ich denke da z.B. an nerdige Motherboard-Untersetzer oder feministische Elko-Ohrringe 😀

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    1. Sehr geehrter Herr Jokiel, ich werde Ihnen bald einen Motherboard-Untersetzer stricken, bzw. ein paar RAM-Chips in einem Quadrat zusammensetzen, damit man sie als Topflappen gebrauchen kann. Bis dahin, habe ich tatsächlich ein britisches Programm entdeckt, dass „Numeracy“ lehrt – Grundlagen der Arithmetik für Erwachsene! : https://www.nationalnumeracy.org.uk/

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  3. Sehr erfrischender Artikel! RAM steht jedoch für Random-Access Memory, leicht zu verwechseln mit dem sehr ähnlichen Akronym ROM, welches für Read-Only Memory steht. 😉 Viel Spaß beim weiteren Entdecken und Erforschen der Computertechnik! 🙂

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